Wohnungswirtschaft: Hintergründe neuer erkennbarer Energieabhängigkeit
Warum LNG, Geothermie und die Entflechtung zwischen enercity und Thüga Teil derselben historischen Verschiebung sind
Die deutsche Energiewende galt lange als Projekt nationaler Unabhängigkeit. Weniger Ölimporte, weniger Gasabhängigkeit und stattdessen mehr heimische erneuerbare Energie sollten Deutschland widerstandsfähiger machen. Doch während sich das Land aus der fossilen Rohstoffabhängigkeit lösen will, entsteht gleichzeitig eine neue strategische Realität: Die zukünftige Energieversorgung wird zunehmend nicht mehr durch den Zugang zu Rohstoffen bestimmt, sondern durch erneut fremdländische Kontrolle über Infrastruktur, Kapital und Technologieplattformen.

Kaum ein Beispiel zeigt diese Entwicklung derzeit deutlicher als die milliardenschweren Investitionen in die deutsche LNG-Infrastruktur, die geothermischen Ambitionen z.B. rund um das kanadische Unternehmen Eavor sowie die geplante Entflechtung zwischen enercity und Thüga. Was auf den ersten Blick wie voneinander getrennte Vorgänge wirkt, gehört tatsächlich zu derselben strukturellen Transformation: Deutschland organisiert seine Energieordnung neu und verändert dabei zugleich die Art seiner wirtschaftlichen Abhängigkeiten.
Nach dem Zusammenbruch der russischen Gasversorgung reagierte Deutschland mit einer historisch beispiellosen Kraftanstrengung. In kürzester Zeit entstanden LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade und Lubmin. Hinzu kamen schwimmende Regasifizierungseinheiten, neue Pipelineanbindungen sowie Speicher- und Regasifizierungsinfrastruktur. Die Kosten dieser neuen fossilen Importarchitektur liegen – je nach Berechnung – inzwischen grob zwischen 20 und über 25 Milliarden Euro. Diese Summen dienten vor allem einem Ziel: der kurzfristigen Sicherung fossiler Energieimporte und damit der Stabilisierung von Industrie, Stromversorgung und Wärmeversorgung in einer akuten Krisensituation.
Parallel dazu entstand jedoch eine zweite Debatte, die inzwischen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Denn während LNG vor allem die Fähigkeit sichert, fossile Brennstoffe weiterhin importieren zu können (der Griff ins fallende Messer), versuchen Technologien wie geschlossene Tiefengeothermie-Loops eine völlig andere Logik zu etablieren: die Schaffung lokaler geothermischer Nullemissions-Energiequellen über einen Know-How-Vorsprung im Bereich neuer Horizontal-Bohrtechniken. Hört sich trocken-technisch an? Ist es wahrscheinlich auch, aber gleichzeitig strategisch entscheidend u.a. für die Wohnungswirtschaft, die dies schließlich gegenüber ihren Mietern auch kostentechnisch über Jahrzehnte vertreten muss. Der entscheidende Vergleich lautet deshalb nicht mehr, was ein einzelnes Geothermieprojekt kostet, sondern welche nationale Wärme- und Grundlastinfrastruktur Deutschland mit vergleichbaren Investitionssummen tatsächlich aufgebaut werden können.
Denn selbst große Tiefengeothermieprojekte bewegen sich bislang meist im hohen zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Millionenbereich. Mit den Kosten weniger LNG-Großprojekte ließen sich daher theoretisch dutzende regionale Geothermiecluster, großskalige Fernwärmesysteme oder gekoppelte Strom- und Wärmeprojekte finanzieren. Gerade Ballungsräume wie Hamburg, München, Berlin, das Rhein-Ruhr-Gebiet, Frankfurt oder Stuttgart verfügen langfristig über enorme Wärmelasten, die perspektivisch zumindest teilweise geothermisch abgesichert werden könnten.
Damit stehen heute faktisch zwei unterschiedliche Energiearchitekturen nebeneinander:
| Fossile Sicherheitslogik | Postfossile Infrastruktur-Logik |
| LNG-Terminals | Geothermie-Cluster |
| globale Brennstoffmärkte | lokale Grundlastversorgung |
| Importabhängigkeit | Infrastrukturabhängigkeit |
| kurzfristige Krisensicherung | langfristige Resilienz |
| Zugang zu Rohstoffen | Kontrolle über Systeme |
Die strategische Verschiebung ist tiefgreifend. Während im fossilen Zeitalter vor allem der Zugang zu Öl- und Gasströmen entscheidend war, rückt nun die Kontrolle über Infrastruktur und technologische Systeme in den Mittelpunkt.
Genau hier erhalten Firmen, die geschlossenene Loop-Systeme beherrschen, eine geopolitische nationale Bedeutung. Diese Unternehmen sind formal zwar keine klassischen Ölkonzerne, technologisch stammt diese jedoch eindeutig aus der nordamerikanischen Tiefbohr- und Frackingindustrie. Die verwendeten Kompetenzen – von horizontalen Tiefbohrungen über geologische Reservoirmodellierung bis hin zu komplexer Untergrundnavigation – wären ohne jahrzehntelange Investitionen der fossilen Industrie kaum denkbar gewesen. Besonders aufschlussreich ist deshalb die Beteiligung des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV an Eavor. Sie zeigt, dass sich die fossile Industrie nicht einfach aus der Energieversorgung zurückzieht und dabei die jährlichen deutschen Einkaufs-Milliarden in Öl und Gas aufgibt, sondern ihre technischen Fähigkeiten und Kapitalstrukturen gezielt in neue Infrastrukturmärkte überführen, um von den gleichen wiederkehrenden Milliarden weiterhin zu partizipieren.
Damit entsteht ein bemerkenswertes Paradox: Die Gewinne des fossilen Zeitalters finanzieren heute teilweise die Infrastruktur des postfossilen Zeitalters. Deutschland könnte künftig zwar deutlich weniger fossile Brennstoffe importieren, gleichzeitig aber stärker abhängig werden von internationalem Kapital, ausländischer Tiefbohrtechnik, proprietären Engineering-Plattformen und globalen Infrastrukturinvestoren. Die Macht verschiebt sich damit weg vom Rohstoff selbst und hin zur Kontrolle über technologische Systeme und Finanzierungsstrukturen.
Diese Verschiebung lässt sich in ihrer Struktur deutlich erkennen:
| Fossiles Zeitalter | Postfossiles Zeitalter |
| Öl- und Gasimporte | Technologie- und Kapitalimporte |
| Pipelinepolitik | Infrastrukturplattformen |
| fossile Förderländer | globale Investoren |
| Rohstoffkontrolle | Technologiekontrolle |
| Brennstoffabhängigkeit | Finanzierungsabhängigkeit |
Vor diesem Hintergrund erhält auch die geplante Entflechtung zwischen enercity und Thüga eine neue Bedeutung. Offiziell wird sie mit „strategischer Fokussierung“ und größerer „finanzieller Handlungsfähigkeit“ begründet. Tatsächlich verweist sie jedoch auf die neue Kapitalrealität der Energiewende. Die zukünftige Wärme- und Grundlastinfrastruktur benötigt enorme Eigenkapitalmengen, langfristige Finanzierungshorizonte und eine deutlich höhere Investitionsgeschwindigkeit als die klassische kommunale Energiewirtschaft früherer Jahrzehnte.
Die traditionellen kommunalen Kreuzbeteiligungen, die einst Stabilität und regionale Kooperation sichern sollten, wirken unter diesen Bedingungen zunehmend kapitalbindend und strategisch unflexibel. Die Entflechtung schafft daher vor allem größere Bilanzbeweglichkeit, erleichtert den Zugang zu Finanzierungen und beschleunigt strategische Entscheidungen. Gerade Hannover wird nun zu einem Beispiel dafür, wie stark sich die Rolle kommunaler Energieunternehmen derzeit verändert. Während früher vor allem regionale Versorgungssicherheit und stabile Beteiligungsstrukturen im Mittelpunkt standen, geraten heute Dekarbonisierung, milliardenschwere Infrastrukturinvestitionen und internationale Technologiepartnerschaften in den Vordergrund.
Die Stadt Hannover versucht über enercity dabei, möglichst viel kommunale Kontrolle zu bewahren und gleichzeitig Zugang zu globaler Technologie und internationalem Kapital zu erhalten. Diese Zielrichtung ist mit der Re-Kommunalisierungsstrategie Berlins vergleichbar und praxisgerecht. Die Entflechtung mit Thüga erscheint deshalb weniger als isolierter Beteiligungsdeal, sondern vielmehr als Anpassung an eine neue Infrastrukturökonomie, in der Geschwindigkeit, Kapitalzugang und technologische Flexibilität entscheidend werden.
Für die Wohnungswirtschaft ist diese Entwicklung von zentraler Bedeutung. Denn die Dekarbonisierung des Gebäudebestands gilt inzwischen als eines der größten wirtschaftlichen Probleme der kommenden Jahrzehnte. Steigende CO₂-Kosten, hoher Sanierungsdruck und unsichere zukünftige Heiztechnologien setzen große Bestandshalter ebenso unter Druck wie kommunale Wohnungsunternehmen. Keine Mit-Beteiligung? Kein Mitspracherecht, keine eigene Preisgestaltung! Großskalige geothermische Systeme könnten hier langfristig stabile Grundlast liefern, Fernwärme absichern und Modernisierungskosten reduzieren. Gleichzeitig entstehen jedoch neue infrastrukturelle Abhängigkeiten von Technologieplattformen, Kapitalgebern und globalen Engineering-Strukturen.
Die Energiewende beseitigt geopolitische Machtstrukturen damit nicht automatisch – sie organisiert sie neu. Im fossilen Zeitalter beruhte Macht auf Öl, Gas, Pipelines und Fördergebieten. Im postfossilen Zeitalter könnte sie zunehmend auf Infrastrukturplattformen, geothermischer Tiefbohrtechnik, Kapitalzugang und technologischer Systemkontrolle beruhen.
Und genau deshalb ist die Entflechtung zwischen enercity und Thüga weit mehr als ein regionaler Beteiligungsdeal. Sie ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Deutschland längst begonnen hat, seine gesamte Energie- und Infrastrukturordnung neu zu organisieren. Deutschland darf die Fehler der Rückzüge aus den Schlüssel-Industrien (Smartphones, Unterhaltungselektronik, Computer……….) und die Folgen aus strategischen Falsch-Positionierungen bei E-Autos nicht jetzt durch die Hergabe weiteren Tafelsilbers wie die Wärme-Infrastruktur abgeben, sondern könnte durch mutiges Aufholen in der Bohrtechnik und staatlich abgesicherte Finanz-Konstrukte dafür sorgen, dass diese Wertschöpfung im Land verbleibt. Bei LNG ging´s ja auch…..
Und: wurde nicht einst eine scheinbar “zukunftsfeste” Kernenergie-Forschungslandschaft durch gigantische staatliche Forschungsgelder gestützt? Dürfen wir das bitte am regenerativen Versorgungsziel wiederbeleben? Durch Förderung der deutschen Bohr-Technologien und Finanz-Absicherung großer Infrastruktur-Projekte?