Kostengünstige Wärme-Mischpreise durch ergänzende Rohstoff-Gewinnung Lithium?

Das haben wir so schnell nicht erwartet…
Die Verbindung von Rohstoffgewinnung und wohnungswirtschaftlich nützlicher Wärmeerschließung entwickelt sich schneller als viele Marktteilnehmer erwartet haben. Noch vor wenigen Jahren galten Geothermieprojekte vor allem als Baustein der kommunalen Wärmewende. Nun rückt mit der Lithiumgewinnung aus Tiefenwässern eine zweite strategische Dimension hinzu: die Versorgung Europas mit kritischen Rohstoffen. Dass beide Bereiche derart eng zusammenwachsen könnten, war bislang eher ein Zukunftsszenario – inzwischen zeichnen sich jedoch konkrete industrielle Perspektiven ab. Der Blick nach Landau und auf das Projekt Vulcan Energy Resources zeigt bereits, wie Geothermie und Lithiumförderung parallel genutzt werden. Nun deutet es sich nach Vorlage von Praxisergebnissen des Fraunhofer IEG an, dass ähnliche Modelle auch im Norddeutschen Becken möglich werden könnten.

Quelle: CO2zero

Dabei stellt sich eine entscheidende wirtschaftliche Frage: Wer trägt künftig die erheblichen Vorlaufkosten der Aufsuchung, Tiefbohrung und Erschließung? Sollte die Rohstoffwirtschaft bereit sein, diese Investitionen zu übernehmen, könnte sich daraus ein völlig neues Modell für die Wärmewende ergeben. Kommunale Wohnungsunternehmen und die Wohnungswirtschaft insgesamt würden dann von geothermischer Wärme profitieren, ohne die gesamten Explorationsrisiken allein tragen zu müssen. Gleichzeitig entstünde die Chance auf langfristig stabile Wärmepreise und eine deutliche Verbesserung der CO₂-Bilanzen im Gebäudesektor. Gerade für große Wohnungsbestände wäre dies ein strategischer Hebel zur Dekarbonisierung.

Damit rückt auch eine dritte Frage in den Fokus: Lassen sich solche kombinierten Rohstoff- und Wärmeprojekte entlang definierter geologischer Senken des Norddeutschen Beckens künftig gezielt in größeren Städten mit kommunalen Wohnungsunternehmen entwickeln? Sollte sich das Modell als wirtschaftlich tragfähig erweisen, könnten urbane Wärmenetze und Rohstoffgewinnung künftig gemeinsam geplant werden – mit potenziell weitreichenden Folgen für Energieversorgung, Industriepolitik und kommunale Infrastrukturentwicklung.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das jetzt vorgestellte Forschungsprojekt „RoLiXX“ besondere Bedeutung. Das Fraunhofer IEG arbeitet gemeinsam mit Wissenschaft und Industrie daran, Lithium aus Tiefenwässern des Norddeutschen Beckens nutzbar zu machen. Ziel ist die Entwicklung flexibler Verfahren, die sich an unterschiedliche Zusammensetzungen regionaler Thermalwässer anpassen lassen.

Damit stellt sich eine weitere interessante Frage: werden derartige Tiefbohrungen, die ja enorme Vorlaufkosten verursachen, letztendlich doch noch günstiger als geschlossene Loops wie z.B. in Geretsried (Strom) und Enercity Hannover (Wärme)?

Im Zentrum stehen die geologischen Strukturen des sogenannten Rotliegend – einer rund 300 Millionen Jahre alten Gesteinsabfolge aus Sandsteinen und Vulkaniten in drei bis fünf Kilometern Tiefe. Diese Schichten gelten im Norddeutschen Becken als besonders vielversprechend für lithiumhaltige Thermalwässer. Erstmals sollen Daten und Proben bestehender Tiefbohrungen systematisch ausgewertet werden, um Herkunft und Verteilung des Lithiums wissenschaftlich zu kartieren.

Parallel dazu adressiert das Projekt die technische Herausforderung der Lithiumextraktion aus hochsalinen Thermalwässern, wie sie auch in Geothermieanlagen zur Wärmeversorgung genutzt werden. Genau hierin liegt die strategische Brisanz: Wärme aus der Tiefe und die Gewinnung kritischer Rohstoffe könnten künftig in einem integrierten System zusammengeführt werden.

Das Fraunhofer IEG prüft dies anhand einer mobile Pilotanlage, die flexibel an unterschiedliche Tiefenwässer angepasst werden kann. Ziel ist eine wirtschaftliche Lithiumextraktion ohne störende Mineralablagerungen oder negative Auswirkungen auf geothermische Prozesse. Die Anlage soll unter realitätsnahen Bedingungen getestet werden und gleichzeitig Aussagen über Wirtschaftlichkeit, Skalierbarkeit und Umweltwirkung ermöglichen.

Bemerkenswert ist zudem, dass das Projekt ausdrücklich auch gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Auswirkungen untersucht. Neben Ökobilanzen und regionalökonomischen Analysen sollen politische Handlungsoptionen entwickelt werden, um robuste Rahmenbedingungen für künftige Projekte zu schaffen.

Besonders interessant für die Wohnungswirtschaft: können die Dekarbonisierungspfade hier messbare Entlastung erfahren; dies dazu noch zu einem von der Rohstoff-Industrie „subventionierten“ Preis?

Damit könnte RoLiXX weit über ein reines Forschungsprojekt hinausweisen. Sollte die Verbindung von Geothermie und Lithiumgewinnung wirtschaftlich funktionieren, entstünde ein neues Infrastrukturmodell: Tiefengeothermie nicht mehr nur als Wärmequelle, sondern zugleich als industrieller Rohstoffstandort – mit potenziellen Vorteilen für Kommunen, Wohnungswirtschaft und europäische Versorgungssicherheit gleichermaßen.