Zwischen Prinzipientreue und Systemrealität: Warum die DUH mit ihrer Kraftwerkskritik zu kurz greift
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) gehörte zu den schärfsten und kritischsten Akteuren der deutschen Klimapolitik. Bei aller Kritik an ihrer oft polarisierenden Argumentation war Ihre juristische Stringenz, ihre Fähigkeit zur öffentlichen Zuspitzung und ihr Fokus auf strukturelle Fehlanreize unbestritten. Umso mehr lohnt es sich, die aktuelle DUH-Kritik an der geplanten Kraftwerksstrategie der Bundesregierung genauer zu prüfen – nicht, um sie zu entkräften, sondern um ihre Schwächen offen zu legen. Nun wäre ein günstiger Zeitpunkt, da Friedrich Merz die neuen Benchmarks der EU-Kraftwerksstrategie skizziert hat. Denn gerade im Kontrast zur eigenen, sehr ambitionierten Geothermie-Position offenbart sich vielfältige argumentative Schieflagen, die der Sache eher schadet als nützt.

1. Die DUH kritisiert härter als das Beihilferecht es verlangt
Im Zentrum der DUH-Argumentation steht der Vorwurf, staatliche Unterstützung für neue Gaskraftwerke verstoße gegen europäisches Beihilferecht, schaffe fossile Lock-ins und behindere saubere Alternativen. Das ist politisch wirksam formuliert – juristisch aber verkürzt.
Das EU-Beihilferecht kennt kein pauschales Fossil-Tabu. Es prüft Notwendigkeit, Verhältnismäßigkeit, Wettbewerblichkeit und Klimakonditionen. Entscheidend ist nicht, ob der Staat eingreift, sondern wie. Die DUH argumentiert jedoch implizit absolutistisch: Förderung fossiler Kapazität sei per se illegitim. Damit verschiebt sie die Debatte von einer Design-Frage („unter welchen Bedingungen?“) zu einer Verbotslogik („überhaupt nicht“).
Bemerkenswert ist dabei eine innere Inkonsistenz: In der Wärmeversorgung fordert die DUH selbst massive staatliche Beschleunigung, Risikoabsicherung und strategische Zielvorgaben für tiefe Geothermie – bis zu 100 TWh bis 2030, perspektivisch 300 TWh. Staatliche Industriepolitik ist dort ausdrücklich erwünscht. Dass staatliche Rahmensetzung im Stromsystem dagegen grundsätzlich problematisch sein soll, bleibt unbegründet.
2. Die Vermischung der Lock-in-These geht von alten Wärme- und Stromparametern aus
Inhaltlich stark ist die DUH dort, wo sie auf die Trägheit fossiler Infrastrukturen hinweist: Was gebaut wird, will betrieben werden. Dieses Argument ist empirisch belastbar. Es verliert jedoch an Präzision, wenn es systemisch unsauber angewandt wird.
Tiefe Geothermie ersetzte früher nahezu ausschließlich Wärme. Diese alte Kraftwerks-Bewertung adressierte primär die Stromsystem-Stabilität in einem zunehmend volatilen Erneuerbaren-System ohne Berücksichtigung tiefengeothermischer ORC-Einflüsse. Das hat sich seit den ersten Inbetriebnahmen von geschlossenen Loop-Systemen nun geändert, was die DUH verschweigt. Außerdem: auch bei stark sinkendem gesamtwirtschaftlichem Gasverbrauch – etwa durch beschleunigte Wärmewende – bleibt ein Bedarf an steuerbarer Leistung bestehen. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob solche Anlagen existieren dürfen, sondern ob ihr Betrieb fossiler Dauerzustand wird.
Gerade hier entsteht ein Bruch zur eigenen DUH-Logik: Wer – wie die DUH – selbst davon ausgeht, dass der massive Hochlauf der Geothermie erst politisch erzwungen werden muss, räumt implizit ein, dass die kommenden Jahre eine Übergangsphase mit Systemrisiken bleiben. Die pauschale Ablehnung von Brückenkapazitäten ignoriert diese Zeitdimension.
3. Quantifizierung dort, wo sie unbequem wird
Auffällig ist zudem ein methodischer Unterschied innerhalb der DUH-Argumentation. In der Geothermie-Debatte arbeitet die Organisation ausgesprochen zahlengetrieben: Ausbaupfade, TWh-Ziele, volkswirtschaftliche Effekte. In der Kritik an der Kraftwerksstrategie hingegen bleibt es meist bei normativen Setzungen („bremst Alternativen aus“, „schafft Abhängigkeiten“), ohne den verbleibenden Residualbedarf des Stromsystems quantitativ zu modellieren.
Gerade diese Quantifizierung wäre jedoch entscheidend, um zwischen legitimer Vorsorge und klimapolitischer Fehlsteuerung zu unterscheiden. Ohne sie wird die Kritik angreifbar – nicht, weil sie prinzipiell falsch ansetzt, sondern weil sie einseitig-tendenziös ausgelegt wird.
4. Die analytisch stärkere Position liegt in der Synthese
Aus all dem folgt kein Freispruch für die Kraftwerksstrategie. Im Gegenteil: Die Gefahr fossiler Lock-ins ist real – aber sie entsteht nicht automatisch durch Turbinen, sondern durch Regeln.
Eine analytisch stringente, schwer angreifbare DUH-Position würde daher nicht beim pauschalen Nein stehen bleiben, sondern auf harten Konditionen bestehen:
- klare Einsatzbegrenzungen (keine Grundlast, begrenzte Volllaststunden),
- Hochrechnen stromerzeugender ORC-Tiefengeothermie ab 2026
- Berücksichtigung kapazitiver Substitution daraus (Fakt, nicht Fiktion)
- verbindliche Umrüstfristen statt unverbindlicher „H₂-Ready“-Versprechen,
- Sanktions- und Rückforderungsmechanismen bei Nichterfüllung,
- dynamische Kopplung der fossilen Einsatzrechte an den realen Fortschritt der Wärmewende – einschließlich ORC-Geothermie als neuem Stromplayer.
Gerade die eigene Geothermie-Argumentation der DUH liefert hierfür die Grundlage: Wenn der Gasbedarf im Wärmesektor (auch ohne Berücksichtigung von ORC-Einsatzzahlen) planbar sinkt, muss sich das unmittelbar im Stromsystem widerspiegeln. Neue Kraftwerke dürfen dann nur als schrumpfende Systemreserve konzipiert werden – nicht als investitionssichere Dauerlösung.
Fazit
Die DUH benennt ein reales Problem, argumentiert aber derzeit regressiv; wie aus der Zeit gefallen. Ihre Kritik gewänne an Überzeugungskraft, wenn sie weniger absolutistisch und stärker systemisch formuliert wird. Nicht das Ob staatlicher Eingriffe entscheidet, sondern deren Ausgestaltung.
Oder zugespitzt: Wer Geothermie ernst nimmt, darf Gas nur noch als temporäre Absicherung denken. Genau dort beginnt die eigentliche klimapolitische Auseinandersetzung – nicht beim reflexhaften Nein, sondern bei der Frage, wie Übergänge so gestaltet werden, dass sie sich selbst überflüssig machen.
Wie käme die DUH wieder in die gewohnte analytische Schärfe? Mit den richtigen Zukunftsfragen statt reflexhafter Gerichtskeulen: wenn sie fragen würde, wie sich die aktuell noch horrenden Entstehungskosten der ORC-Stromgewinnung gegen die Kosten neuer Gaskraftwerke in Zukunft entwickeln, wenn ein jährlich dynamisches Gas-Substituierungs-Monitoring mit konkreten Zielerreichungs-Quoten der Öffentlichkeit Mut machen kann, anstelle mit Schwarzseherei blaue Wählerstimmen zu erzeugen.
Fragt sich, ob die eigene DUH-Klientel das wünscht….