Die digitale Gebäudeplattform 2035 – Warum die Wohnungswirtschaft jetzt über Gebäudekonnektivität nachdenken muss
Der Standpunkt eines Wohnungsunternehmens
Die Wohnungswirtschaft steht vor einer strategischen Entscheidung, die weit über die klassische Heizkostenabrechnung hinausgeht. Während bislang Mess- und Telemetriedaten meist in voneinander getrennten Silos verarbeitet werden, entsteht zunehmend die Vision einer zentralen Gebäude-Datenplattform: Alle relevanten technischen Daten eines Gebäudes werden in kurzen Intervallen erfasst, an eine zentrale (eigene oder fremde) Datendrehscheibe übermittelt und dort als Big-Data-Lösung für Betrieb, Instandhaltung, Energieoptimierung und Dekarbonisierung genutzt.

Für ein kommunales Wohnungsunternehmen mit 500 Mehrfamilienhäusern (MFH) und rund 10.000 Wohneinheiten (WE) stellt sich daher die Frage:
Soll bereits heute in eine flächendeckende 15‑Minuten-Gebäudekonnektivität investiert werden – und falls ja, auf welcher regulatorischen Plattform?
Dabei stehen derzeit zwei denkbare Zukunftsbilder im Raum:
- die Nutzung der vollständigen deutschen Smart-Meter-Gateway-Infrastruktur (SMGW) einschließlich der TR‑03109-Welt,
- ein mögliches zukünftiges „SMGW Light“, das in der energiewirtschaftlichen Diskussion zunehmend Aufmerksamkeit erhält. Der Begriff ist derzeit regulatorisch jedoch nicht definiert. [pv-magazine.de], [spotmyenergy.de]
Das Zielbild der Wohnungswirtschaft
In unserem Szenario investiert die Wohnungswirtschaft selbst in die gebäudeinterne Dateninfrastruktur. Die Architektur besteht aus:
- Sensorik und Zählertechnik im Gebäude
- zentralem Kommunikationsknoten pro Gebäude
- 15‑Minuten-Erfassung sämtlicher technischer Daten
- Übergabe an einen externen Dienstleister
- Speicherung auf dessen Plattform
- Big‑Data-Auswertung
- Kennzahlen-Reporting
- Alarmmanagement bei Gerätefehlern
- Unterstützung von ESG-, Energie- und Betriebsprozessen
Der externe Dienstleister übernimmt:
- die Datenabholung am Gebäudeknoten,
- den Plattformbetrieb,
- die Datenhaltung,
- die Analyseverfahren,
- die Bereitstellung von Kennzahlen,
- das technische Monitoring.
Die eigentliche Wertschöpfung liegt somit nicht im Sammeln der Daten, sondern in deren intelligenter Nutzung.
Bedeutung des § 42c EnWG
Der § 42c EnWG gehört zu den regulatorischen Entwicklungen, die zunehmend die Digitalisierung des Gebäudesektors adressieren. Die Ausgestaltung und praktische Umsetzung sind jedoch weiterhin eingebettet in das Gesamtsystem von MsbG, Smart-Meter-Rollout und energiewirtschaftlicher Digitalisierung.
Die heute geltende Architektur des intelligenten Messsystems basiert unverändert auf dem Smart-Meter-Gateway als zentraler Kommunikationskomponente. Das BSI definiert hierfür Schutzprofile und technische Richtlinien. Das intelligente Messsystem besteht aus digitalem Zähler und Smart-Meter-Gateway. [bsi.bund.de], [bsi.bund.de], [bundeswirt…sterium.de]
Aktuell existiert öffentlich kein beschlossener regulatorischer Pfad, der die vollständige Ablösung dieses Modells durch ein „SMGW Light“ vorsieht. Vielmehr handelt es sich derzeit um eine politische und wirtschaftliche Diskussion. [pv-magazine.de], [spotmyenergy.de], [bdew.de]
Prognose: Hat das verpflichtende SMGW langfristig Bestand?
Szenario A: Fortsetzung des heutigen Regulierungsmodells
Die stärksten Argumente für den Fortbestand des SMGW sind:
- Investitionsschutz der bisherigen Rollout-Architektur
- bestehende BSI-Regelwerke
- Steuerungsfähigkeit über CLS-Strukturen
- Integration von §14a-EnWG-Prozessen
- hohe Sicherheitsanforderungen kritischer Infrastrukturen. [bsi.bund.de], [bsi.bund.de], [bdew.de]
Unsere Prognose
Für netzrelevante Anwendungen, Steuerungsfunktionen und energiewirtschaftliche Marktprozesse halten wir einen Fortbestand des SMGW bis weit in die 2030er Jahre für wahrscheinlich. Insbesondere für:
- Wärmepumpen,
- steuerbare Verbrauchseinrichtungen,
- Netzengpassmanagement,
- Flexibilitätsmärkte,
dürfte die vollständige SMGW-Welt weiterhin die Referenzarchitektur bleiben.
Prognose: Besteht Raum für ein SMGW Light?
Parallel dazu wächst der politische Druck, die Digitalisierung kostengünstiger und schneller voranzutreiben. Befürworter eines vereinfachten Ansatzes argumentieren:
- Deutschland hinke im europäischen Vergleich hinterher,
- viele Anwendungen benötigten lediglich Messdaten,
- die heutige Architektur sei unnötig komplex und teuer. [pv-magazine.de], [ffe.de]
Unsere Prognose
Ein vollständiger Ersatz des heutigen SMGW erscheint derzeit wenig wahrscheinlich. Deutlich wahrscheinlicher erscheint mittelfristig ein zweistufiges Marktmodell:
| Segment | Wahrscheinliche Lösung |
| Netzrelevante Steuerungsanwendungen | Vollständiges SMGW |
| Reine Gebäude- und Telemetriedaten | Vereinfachte Kommunikationslösung |
Ein solches Modell würde stark an die heute in Schweden oder anderen europäischen Ländern verbreiteten Rollout-Ansätze erinnern. [ffe.de]

Quelle: CO2zero, maschinell unterstützt
Wirtschaftlichkeitsrechnung für 500 MFH und 10.000 WE
Variante 1: Vollständige SMGW-/TR‑03109-Welt
Investitionen
Annahme:
- 500 Gebäude
- ein Gateway pro Gebäude
- vollständige GWA- und Backend-Integration
| Position | Ansatz |
| Gebäude-Konnektivität | 400.000 € |
| Plattformintegration | 150.000 € |
| Initiale Datenplattform | 100.000 € |
| Gesamt-CAPEX | 650.000 € |
Betriebskosten
| Position | p.a. |
| GWA / PKI / Compliance | 90.000 € |
| Kommunikation | 15.000 € |
| Plattformbetrieb Dienstleister | 80.000 € |
| Datenanalyse / Reporting | 70.000 € |
| Alarmmanagement | 20.000 € |
| Gesamt OPEX p.a. | 275.000 € |
10 Jahre:
2,75 Mio. € Betriebskosten
Gesamt:
ca. 3,4 Mio. € über 10 Jahre
Variante 2: Denkbares SMGW Light
Annahmen
- reine Datenerfassung
- keine vollständige PKI
- keine CLS-Welt
- cloudbasiertes Kommunikationsmodell
- Dienstleister übernimmt Big-Data-Plattform
Investitionen
| Position | Ansatz |
| Gebäudekonnektivität | 150.000 € |
| Plattformintegration | 100.000 € |
| Datenplattform | 100.000 € |
| Gesamt-CAPEX | 350.000 € |
Betriebskosten
| Position | p.a. |
| Kommunikation | 10.000 € |
| Cloudplattform | 60.000 € |
| Analytik | 70.000 € |
| Alarmmanagement | 20.000 € |
| Gesamt | 160.000 € |
10 Jahre:
1,60 Mio. € Betriebskosten
Gesamt:
ca. 1,95 Mio. € über 10 Jahre
Direkter Vergleich
| Kennzahl | Volles SMGW | Denkbares SMGW Light |
| Gebäudeknoten | 500 | 500 |
| Wohneinheiten | 10.000 | 10.000 |
| Datenintervall | 15 Minuten | 15 Minuten |
| Big-Data-Plattform | Ja | Ja |
| Alarmmanagement | Ja | Ja |
| TR‑03109‑5-Steuerbarkeit | Ja | Nein bzw. eingeschränkt |
| Investition | 650.000 € | 350.000 € |
| Betrieb 10 Jahre | 2,75 Mio. € | 1,60 Mio. € |
| Gesamtkosten 10 Jahre | 3,40 Mio. € | 1,95 Mio. € |
| Kosten je Wohnung über 10 Jahre | 340 € | 195 € |
Strategische Bewertung
Für ein kommunales Wohnungsunternehmen besteht die eigentliche Frage nicht darin, ob Daten erfasst werden sollen. Der Nutzen einer zentralen Datenplattform erscheint bereits heute offensichtlich:
- Energieoptimierung,
- ESG-Berichterstattung,
- Störungsfrüherkennung,
- Dekarbonisierungsstrategien,
- Instandhaltungssteuerung,
- Betriebsoptimierung.
Die eigentliche Unsicherheit liegt in der regulatorischen Plattform, ohne die die Zielstellung 2035 nicht fokussiert werden kann

Quelle: CO2zero, maschinell unterstützt
Fazit
Aus heutiger Sicht erscheint die Investition in eine zentrale Gebäudedatenplattform unabhängig vom regulatorischen Endmodell zur Beantwortung folgender Frage sinnvoll: wo stehen wir 2025 mit unserer IT?
Die größere Unsicherheit betrifft nicht die Datenauswertung, sondern den Kommunikationsweg. Unsere Prognose lautet:
- Das vollwertige SMGW wird für netz- und energiewirtschaftlich relevante Steuerungsprozesse Bestand haben. [bsi.bund.de], [bsi.bund.de], [bdew.de]
- Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass für reine Telemetrie- und Gebäudedatenanwendungen kostengünstigere Kommunikationsmodelle zugelassen oder faktisch etabliert werden. Diese Entwicklung wird von Teilen der Branche aktiv gefordert. [pv-magazine.de], [spotmyenergy.de]
Für die Wohnungswirtschaft spricht daher viel dafür, die eigene Architektur bereits heute so aufzubauen, dass sie kommunikationsneutral bleibt: Das Gebäude sollte unabhängig davon funktionieren, ob die Daten künftig über ein vollwertiges SMGW oder über eine vereinfachte Light-Architektur transportiert werden. Dadurch bleibt die Investition regulatorisch robust und langfristig flexibel.