EEG-Reform: Die Energiewende zieht ins Gebäude – und die Wohnungswirtschaft wird zum Schlüsselakteur
Berlin, den 24.03.2026
Die Energiewende in Deutschland steht vor einem strukturellen Umbruch. Mit der geplanten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verändert sich nicht nur die Förderung von Photovoltaik – es verschiebt sich die Logik des gesamten Systems. Was bislang als Erfolgsgeschichte der Einspeisung erneuerbarer Energien galt, wird nun neu gedacht: Strom soll nicht mehr primär ins Netz fließen, sondern vor Ort genutzt werden. Damit rückt ein Akteur in den Mittelpunkt, der bisher mangels rechenbarer Geschäftsmodelle eher im Hintergrund stand: die Wohnungswirtschaft.
Vom Einspeisemodell zum lokalen Energiesystem: Die Zahlen zeigen, wie tiefgreifend dieser Wandel ist

Bis 2030 könnten 33 bis 38 Terawattstunden (TWh) Solarstrom direkt vor Ort verbraucht werden. Gleichzeitig entsteht durch den politisch gewollten Hochlauf von Wärmepumpen ein zusätzlicher Strombedarf von 22 bis 29 TWh jährlich, davon allein 20 bis 27,5 TWh durch Luft-Wasser-Wärmepumpen.
Auf den ersten Blick ergibt sich daraus ein erstaunliches Gleichgewicht: Der zusätzliche Strombedarf der Wärmepumpen könnte bilanziell weitgehend durch PV-Eigenverbrauch gedeckt werden. Doch diese Rechnung greift zu kurz. Denn sie ignoriert die eigentliche Herausforderung: die Integration.
Gebäude werden zu Energiezentren
Mit der EEG-Reform verändert sich die Funktion von Gebäuden grundlegend. Sie sind künftig nicht mehr nur Orte des Verbrauchs, sondern entwickeln sich zu integrierten Energiesystemen:
- PV-Anlagen erzeugen Strom
- Wärmepumpen wandeln ihn in Wärme um
- Mieterstrommodelle verteilen ihn innerhalb des Gebäudes
Für die Wohnungswirtschaft bedeutet das eine neue Rolle:
- Energieproduzent
- Energieversorger
- Wärmeanbieter
Diese Dreifunktion macht sie zum zentralen Knotenpunkt der Energiewende.
Die Systemlogik: Warum Wärmepumpen unverzichtbar sind
Der Erfolg des neuen Modells hängt an einem entscheidenden Baustein: der Wärmepumpe. Sie ist weit mehr als ein elektrisches Heizsystem. Sie ist der systemische Lastanker, der Photovoltaik erst wirtschaftlich macht.
Ohne Wärmepumpen:
- bleibt PV-Strom häufig ungenutzt
- steigen Einspeisespitzen
- sinkt die Wirtschaftlichkeit
Mit Wärmepumpen:
- steigt der Eigenverbrauch deutlich
- wird Strom lokal genutzt
- entstehen integrierte Energiesysteme
Gerade im Mehrfamilienhaus entfaltet diese Kombination ihre volle Wirkung.
Mieterstrom: Der unterschätzte Hebel
Der eigentliche Skalierungsmechanismus liegt im Mieterstrom. Denn die Energiewende entscheidet sich nicht im Einfamilienhaus, sondern im Bestand der Wohnungswirtschaft:
- Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt zur Miete
- Der Großteil der Dachflächen gehört Wohnungsunternehmen
- Große Bestände können zentral gelenkt werden
Mieterstrommodelle ermöglichen:
- die Nutzung von PV-Strom durch viele Haushalte
- eine bessere Auslastung von Anlagen
- die Integration von Wärmepumpen in Gebäuden
- erste Formen von Energy Sharing
Erst durch Mieterstrom wird Eigenverbrauch systemrelevant. Doch die negativen Erfahrungen mit den Geschäftsmodell-Optionen basierend auf den bisherigen Regelungen des § 42 ENWG gaben nicht zu Optimismus Anlass.
Regulatorischer Durchbruch: § 42c EnWG
Was bislang als strukturelle Schwäche galt, könnte sich nun grundlegend ändern. Mit dem absehbaren § 42c des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) entsteht erstmals ein regulatorischer Rahmen für gemeinschaftliche Gebäudeversorgung und Energy Sharing. Ziel ist es, lokal erzeugten Strom einfacher innerhalb von Gebäuden und Quartieren zu verteilen.
Die Bedeutung dieses Schritts ist kaum zu überschätzen:
- Bürokratische Hürden für Mieterstrom werden reduziert
- Stromverteilung im Gebäude wird rechtlich vereinfacht
- neue Geschäftsmodelle für Wohnungsunternehmen werden möglich
- Wärmepumpen werden zur lukrativen Senke selbsterzeugten Stroms
§ 42c ist damit der Missing Link zwischen technischer Möglichkeit und wirtschaftlicher Realität. Während die EEG-Reform den ökonomischen Anreiz setzt, schafft § 42c die operative Umsetzbarkeit.
Die zentrale Schwachstelle: Die zeitliche Lücke
Trotz der positiven Jahresbilanz bleibt ein fundamentaler Zielkonflikt bestehen:
- PV produziert Strom vor allem im Sommer und mittags
- Wärmepumpen benötigen Energie vor allem im Winter und abends
Diese zeitliche Lücke ist der kritische Engpass des Systems. Besonders problematisch:
- Luft-Wasser-Wärmepumpen verstärken Winterlasten
- PV liefert genau dann am wenigsten
Ohne Gegenmaßnahmen drohen:
- steigende Netzkosten
- neue Lastspitzen
- wirtschaftliche Risiken
Die zweite Säule: Geothermie als strategische Ergänzung
Langfristig deutet sich jedoch eine strukturelle Lösung an: die tiefe Geothermie. Studien aus dem Umfeld von Helmholtz und dem Karlsruher Institut für Technologie beziffern das technische Potenzial in Deutschland auf bis zu 600 TWh Wärme pro Jahr. Das ist ein Vielfaches dessen, was heute benötigt wird. In Kombination mit Großwärmepumpen entsteht damit:
- eine grundlastfähige erneuerbare Wärmequelle
- eine Entlastung des Stromsystems
- eine Stabilisierung saisonaler Schwankungen
Die Energiewende bekommt damit eine zweite physische Basis – unter der Erde. Die Großwärmepumpen aus tiefengeothermischer Speisung nutzen den Strom aufgrund ihrer exzellenten COP aber deutlich besser aus als Luft-Wasser-Wärmepumpen
Politische Realität: Vier offene Baustellen
Damit das neue System funktioniert, braucht es mehr als Gesetze – es braucht ein konsistentes Systemdesign:
1. Wohnungswirtschaft aktivieren – Die Ermutigung aus den Förderprogrammen BEW etc. ist bereits ein guter Anfang. Sie ist der zentrale Hebel für die Umsetzung.
2. Mieterstrom und § 42c konsequent umsetzen: Der regulatorische Rahmen muss einfach, investitionssicher und skalierbar sein.
3. Speicher und Flexibilität ausbauen: Ohne Speicher bleibt die Systemlücke bestehen.
4. Netzkosten neu verteilen: Mehr Eigenverbrauch stellt die Finanzierung der Netze infrage.
Zuspitzung: Die Macht verschiebt sich
Die EEG-Reform und § 42c EnWG führen gemeinsam zu einer strukturellen Verschiebung:
Die Energiewende wird nicht mehr im Kraftwerk entschieden, sondern im Gebäude.
Und damit gilt: Wer die Gebäude kontrolliert, kontrolliert die Energiewende.
Die Wohnungswirtschaft entscheidet:
- über den Ausbau von Photovoltaik
- über den Einsatz von Wärmepumpen
- über die Verbreitung von Mieterstrom
Ohne sie:
- bleibt Eigenverbrauch begrenzt
- steigen Systemkosten
- wird die Wärmewende ineffizient
Mit ihr:
- entsteht ein dezentrales Energiesystem
- sinken Kosten
- profitieren auch Mieter
Fazit
Die EEG-Novelle ist kein Detailgesetz – sie ist der Einstieg in ein neues Energiesystem. Die Zahlen zeigen:
- Die Energie ist vorhanden
- Die Technologien sind verfügbar
Mit § 42c EnWG entsteht nun auch der regulatorische Rahmen, um diese Potenziale zu heben.
Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr: Wie viel erneuerbare Energie erzeugen wir?
Sondern: Wie organisieren wir Energie im Gebäude? Die Antwort darauf entscheidet über Erfolg oder Scheitern der Energiewende.
Quellenverzeichnis
Geothermie und Langfristpotenziale
- Helmholtz-Gemeinschaft / Karlsruher Institut für Technologie (KIT) (2023):
Potenziale der tiefen Geothermie zur Wärmeversorgung in Deutschland. Karlsruhe.
→ Technisches Potenzial: bis zu 600 TWh Wärme pro Jahr
Regierungs- und Behördenquellen
- Bundesregierung Deutschland (2023):
Klimaschutzprogramm 2030 – Fortschreibung und Maßnahmen im Gebäudesektor. Berlin.
Forschungsinstitutionen – Stromsystem und Photovoltaik
- Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE (2025):
Eigenverbrauch von Solarstrom steigt in Deutschland stark an. Freiburg. - Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE (2026):
Öffentliche Nettostromerzeugung in Deutschland 2025. Freiburg.
Wärmepumpen und Energiesysteme
- Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) (2022):
Metastudie Geothermie – Potenziale und Szenarien der geothermischen Nutzung in Deutschland. Hannover.
Zitierhinweis
Zentrale quantitative Aussagen und strukturelle Argumentationen basieren auf den im bereitgestellten Dokument enthaltenen Analysen zu Tiefengeothermie, PV-Eigenverbrauch, Wärmepumpenstrombedarf und Gebäudesystemen sowie ergänzenden Studien von LIAG, Helmholtz/KIT und strategischen Papieren der Bundesregierung.